Innovation

Die Zukunft der Innovation in Europa

Ein Gespräch mit Marc Lhermitte von Ernst & Young

Future of Innovation

Neun Monate. So weit voraus ist laut einem Bericht des WIRED Magazine die chinesische Welthauptstadt für Hardwareunternehmen, Shenzhen, gegenüber dem Rest der Branche, wenn es um die Entwicklung neuer Produkte geht. Voller Maker und Hacker, die sich auf erschwingliche Lösungen für die Massen konzentrieren, strömen Unternehmen aus aller Welt nach Shenzhen, um Dinge zu erlernen und zu erschaffen, für die anderswo ein Vielfaches an Zeit und Kosten nötig wäre.

3,5 Billionen US-Dollar. So hoch ist die Marktkapitalisierung des Silicon Valley – das ist der höchste rechnerische Gesamtwert aller Aktienanteile seit über einem Jahrzehnt. Es ist keine Überraschung, dass diese Region mit ihren vielen Hightech-Start-ups und Innovationen in Zukunft noch weitere Anleger anziehen wird. „Das Silicon Valley hat seine Höhen und Tiefen, dennoch bleibt es eines der weltweit erfindungsreichsten Gebiete, das sich immer wieder neu erfindet“, bemerkt das Forschungsunter-nehmen Creative Strategies.

Shenzhen und das Silicon Valley sind zwei der bekanntesten Innovationsstandorte der Welt. Führende europäische Unternehmen sind fest entschlossen, sich dort einzureihen. Laut Marc Lhermitte, Partner bei Ernst & Young und Leiter der Studie zur europäischen Attraktivität für Investoren, sieht die Zukunft der Innovation in Europa trotz einiger Herausforderungen sehr gut aus.

360 Magazine, Inside Innovation

360: Ernst & Young hat kürzlich seine European Attractiveness Survey 2017 veröffentlicht. Gab es dabei irgendwelche großen Überraschungen?

ML: Für viele Beobachter überraschend, bleibt Europa für Investoren und Unternehmen attraktiv. Sie geben Europa einen großen Vertrauensbeweis für seine Fähigkeit zum globalen Wachstum. Europa ist eine sehr stabile, sehr kompakte und sehr gut ausgestattete Region, die im Vergleich zu anderen Weltregionen floriert.

360: Im vergangenen Jahr verzeichnete Europa ein Rekordjahr bei den ausländischen Direktinvestitionen. Welche Rahmenbedingungen oder Treiber locken Investoren nach Europa und lassen Innovationen gedeihen?

ML: Europa besteht nicht nur aus der Europäischen Union, sondern aus mehr als 40 Ländern. Diese Vielfalt zählt wahrscheinlich zu den größten Unterscheidungsmerkmalen und Stärken. Die unglaubliche Anzahl verschiedener Marktsituationen, Technologien, Universitäten und Kulturen trägt zur großen Stärke Europas bei. Das ist es, was uns die Unternehmen sagen: Sie schätzen die Möglichkeit, sich ein Mosaik aus Situationen, Talenten und Fähigkeiten zu erschließen.

360: Sie haben auch geschrieben, dass Europas Stärken in seiner digitalen und logistischen Infrastruktur sowie in seinen qualifizierten Arbeitskräften liegen. Welche Herausforderungen erschweren angesichts all dieser Vorteile dennoch das Entstehen von Innovationen?

ML: Der Nachteil dieser Vielfalt ist die Streuung, durch die es sehr schwierig wird, erstklassige Forschungs- und Innovationszentren in der erforderlichen Größe zu schaffen. Ebenfalls sehr schwierig ist es, ein Finanzsystem zu entwickeln – eine der wesentlichen Voraussetzungen zur Förderung von Unternehmergeist und Innovationen.

Europa braucht Umstrukturierungen, insbesondere wenn es um Steuerregeln und Geschäftsmodelle geht. Die aktuellen Systeme konzentrieren sich auf Effizienz und Produktivität und haben früher noch gut funktioniert. Die Geschäftswelt von morgen verlangt jedoch nach Innovationen, die das Eingehen von Risiken sowie schnelle Finanzierungen und Anpassungen erfordern. Bei Innovation geht es um Kreativität, aber auch um Ressourcen und Prozesse. In einigen Ländern und Regionen Europas fehlt es an den geeigneten Prozessen und der Disziplin, die nötig sind, um von der wissenschaftlichen Spitzenforschung zur angewandten Forschung und schließlich in die Märkte zu gelangen.

„Bei Innovation geht es um Kreativität aber auch um Ressourcen und Prozesse.“

Marc Lhermitte Partner bei Ernst & Young, Paris

360: Viele Regionen Europas werden aber trotz dieser Herausforderungen zu kreativen Zentren. Welche Städte oder Gebiete haben Ihrer Meinung nach die besten Voraussetzungen zur Förderung von Innovationen geschaffen?

ML: Wahrscheinlich gibt es in Europa zwischen 15 und 20 Ballungsräume der Spitzenklasse. Sie alle haben ihre eigenen Zugkräfte, ihre eigene Bedeutung und ihre eigenen Fähigkeiten, Investoren, Unternehmer, Studenten, qualifizierte Talente und Medien anzuziehen und weiterzuentwickeln – jene Gruppen, die den Unternehmergeist und Innovationen fördern. Dabei ist es wichtig, zu erkennen, dass Innovationen nicht allein auf Kreativität basieren. Vielmehr bedarf es der Berücksichtigung von Prozessen, Strukturen, Disziplin und Ressourcen sowie des langfristigen Engagements des privaten und öffentlichen Sektors.

360 Magazine, Inside Innovation

360: Können Sie uns Beispiele von Unternehmen oder bestimmten Geschäftsbereichen geben, von denen Sie glauben, dass sie in Europa gut funktionieren?

ML: Zahlreiche Unternehmen und Start-ups haben bewiesen, dass Europa – trotz seines Defizits in der Consumer-IT – in vielen neuen Digitaltechnologien führend ist, z.B. in den sehr wichtigen Bereichen künstliche Intelligenz, Robotik und Internet der Dinge. Ich denke, es gibt auch viele führende Unternehmen und Start-ups auf dem Gebiet der Smart Citys, im Verkehrswesen, im Energiesektor und bei der Bereitstellung neuer Dienstleistungen für die Bürger. Es ist aber schwer, Namen zu nennen, weil es nicht nur zwei Arten von Unternehmern gibt, die großen und die aufstrebenden, sondern auch staatliche Einrichtungen und Universitäten, die den Hintergrund für Innovationen schaffen.

360: Wie gelingt es einem Unternehmen, das seit Jahrzehnten von den gleichen Routinen geprägt ist, seine Denkweise so radikal zu verändern, dass es mit dem sich wandelnden Geschäftstempo von heute Schritt halten kann?

ML: Unternehmen sollten darüber nachdenken, wie sie ihre Geschäftsmodelle neu strukturieren können, und zudem nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten. Sie stehen an vorderster Front des Unternehmertums und müssten Fragen wie diese stellen: „Wie gelingt es, die Mitarbeiter so zu stärken, dass täglich neue Innovationen entstehen?“ Ziel ist es, offene Innovationen zu entwickeln und zu verstehen, dass das Leben von morgen nichts mit business as usual zu tun hat. Es ist komplex, und in Europa ist es wahrscheinlich noch komplexer. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass Unternehmen und staatliche Einrichtungen es gemeinsam schaffen können.

360: Wie sehen für Sie 2018 und die kommenden Jahre für Europa aus?

ML: Insgesamt sehe ich positive Entwicklungen und ich bin optimistisch, dass Europa attraktiv und wettbewerbsfähig bleiben wird – wenn man alle seine Märkte und Bevölkerungen zusammenlegt, dann entsteht die Nummer eins der Weltwirtschaft. Europa hat große Chancen und gute Wachstumsaussichten. 2018 rechne ich mit mehr Wachstum als in den letzten fünf Jahren. Ausländische Investitionen werden weiter steigen und für neue Arbeitsplätze sorgen, während die großen Veränderungen und Umstrukturierungen in den alten traditionellen Industrien andauern werden.

“Vielfalt zählt zu den größten Unterscheidungsmerkmalen und Stärken Europas.“

Marc Lhermitte

Genau wie es Marc Lhermitte von Ernst & Young vorschlägt, suchen einige europäische Unternehmen nach neuen Wegen, um Innovationen zu fördern:

Das BMW Innovation Lab in Großbritannien lädt erfolgreiche Start-ups zu ausgesuchten Mentorings ein, in denen sie vom Wissen führender Fachexperten des Automobil- und Finanzbereichs profitieren. Teilnehmer können Daten auslesen, Erkenntnisse sammeln und ihre Produkte und Dienstleistungen in einem realen Kundenumfeld testen.

Das Accenture Innovation Center in Paris unterstützt Kunden dabei, sich ihre Zukunft vorzustellen und neu zu erfinden. Unternehmen erhalten maßgeschneiderte Innovationspfade mit Coachings von Führungskräften, die aus allen Unternehmensbereichen kommen und Design Thinking zur Förderung der Vorstellungskraft einsetzen.

Silicon Allee in Berlin ist ein Start-up-Campus, dessen Name sich augenzwinkernd auf den kalifornischen Innovations-Hotspot bezieht. Er besteht aus einem Ökosystem von Räumen zum Arbeiten, zum Besprechen und zum Austausch mit anderen.

Station F, der 34.000 Quadratmeter große Coworking Space in Paris, ist der größte Start-up-Campus der Welt. Er bietet Platz für bis zu tausend Start-ups und verfügt über einen Makerspace mit hochmoderner Prototyping-Technologie.

Space10 von IKEA in Dänemark konzentriert sich auf die Kreislaufgesellschaft, die Koexistenz zwischen Mensch und Umwelt sowie auf digitale Mitbestimmungsmöglichkeiten. Mit dem Ziel, neue Lebensweisen zu erforschen und zu gestalten, bietet Space10 Menschen aus den Bereichen Kunst, Design und Technik die Möglichkeit, gemeinsam etwas Neues zu schaffen.

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