Bildung

Lernen im Hier und Jetzt, aber: Wann ist „jetzt“ und wo ist „hier“?

Wie können wir das neue Lernen befördern? Wie können wir Lernräume neu denken?

Von Helmut Kausler, Senior Workplace Consultant bei Steelcase Education

Der aktuelle Mangel an direktem sozialem Miteinander, der kürzlich notwendig gewordene Wandel hin zu einem räumlich getrennten Lernen über Distanz, wird generell negativ diskutiert und die Mängel der technischen Ausstattung und IT-Kompetenz an den Bildungseinrichtungen deutlich kritisiert.

Das Schulbarometer des Schweizer Instituts für Bildungsforschung der PH Zug um Prof. Stephan Huber befragte dazu 7100 Schulleiter, Lehrer, Eltern und Schüler in Deutschland, Österreich und der Schweiz, mit dem Ergebnis: 82 Prozent der Schweizer Schulleiter gaben an, dass an ihrer Schule online-Lernplattformen genutzt würden. In Österreich 57 Prozent, in Deutschland 43 Prozent.1

Der SPIEGEL berichtete kürzlich in der Titelgeschichte gar über ein „Schulversagen,“ in dem die Defizite unbarmherzig aufgedeckt würden, baut gleichzeitig aber auch eine Brücke in die Zukunft: „Zugleich eröffnet die Krise dem deutschen Schulsystem auch eine Jahrhundertchance: für eine Bestandsaufnahme. Wie es definitiv nicht weitergehen kann, wenn es wieder weitergeht.“2

Deutlich an diesen Untersuchungen und den öffentlichen Diskussionen ist die Betonung der Präsenz als selbstverständliche Notwendigkeit für den Lernprozess. Aber was ist Präsenz im eigentlichen Sinne, ist es wirklich die Gegenwart von Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort, die das Lernen wirksam werden lässt? Etymologisch betrachtet leitet sich Präsenz vom Lateinischen ab und setzt sich zusammen aus 1. prae „da, bei der Hand“ und 2. sens „gegenwärtig, jetzig, offenbar.“ Die Präsenz ist somit das „Zugegensein.“3

Wenn kürzlich, wie etwa im SPIEGEL oder in einem Gastbeitrag in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zu lesen war: „Von einem Tag auf den anderen mussten sie sich Bedingungen stellen, auf die sie nicht vorbereitet sein konnten, weil ihnen die Grundlage ihrer Existenz entzogen war: die Präsenz in einem geschlossenen Sozialgefüge.4“, dann legen diese Aussagen eine Annahme zu Grunde, die auch in der Diskussion über Home-Office Regelungen für die Angestellten in Unternehmen zu lesen ist: Durch unsere gesamte Gesellschaft zieht sich demgemäß die Vorstellung, dass die körperliche Anwesenheit von Arbeitenden, Angestellten, Lernenden, Lehrenden eine Garantie sei für, zumindest im Falle der Schulen und Hochschulen, geistige Gegenwart.

Wenn Lehrende heute für die Lernenden nicht mehr im gleichen physischen Raum synchron zur Verfügung stehen, um neue Information, Anregung, Begleitung, Feedback geben zu können, sondern „nur“ über räumliche und oftmals zeitliche Distanz hinweg agieren können, müssen wir auch unsere Lehrmethoden hinterfragen und gegebenenfalls neu konzipieren. Gegenwärtig verbietet sich beispielsweise die Ansammlung vieler Menschen auf zu kleinem Raum, in einem zu geringen Abstand zueinander, was etwa das vorläufige Ende der universitäten Massenveranstaltung, der Vorlesung, so wie wir sie seit Langem kennen, einläutet. Sollte mit diesem Neu-Denken des Lehrens und Lernens, nicht auch eine Umgestaltung der Räume, in denen sich Lernende und Lehrende treffen können, einhergehen. Wie wird das Leben auf dem Campus sich verändern, wenn wir die einschränkenden Maßnahmen lockern und uns wieder auf dem Campus, in den Büros, Hörsälen, Seminar- und Übungsräumen, den Bibliotheken, Cafés und Mensen einfinden? Was werden wir aus den Zeiten der kompletten Reduktion des physischen Kontakts, der Vermeidung einer Begegnung an einem physischen Ort, mitnehmen in die Zeit, in der wir wieder zur gleichen Zeit am gleichen physischen Ort sein werden? Was muss in den Räumen verändert werden? Wie muss das Verhalten der Menschen in den Räumen an die veränderten Anforderungen angepasst werden?

Das Mandat kann nicht länger Effizienz sein, sondern Sicherheit. Sicherheit für die Lehre, aber insbesondere für die Menschen.

Was wir sehen werden, ist ein stufenweiser Prozess, in dessen erstem Schritt eine Anpassung der gegenwärtigen Lernumgebungen erfolgen wird. Nachfolgend werden die Schulen und Hochschulen ihren Campus, ihr Schulgebäude zukunftssicherer planen und ausstatten, da eine Wiederholung einer Situation, wie die durch das Corona Virus verursachte, für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann. Somit muss schon heute bei der Planung und Ausstattung einer Schule oder Hochschule bedacht werden, dass sich die aktuelle Situation in ähnlicher Form jederzeit wiederholen könnte. Das Mandat kann nicht länger Effizienz sein, sondern Sicherheit. Sicherheit für die Lehre, aber insbesondere für die Menschen.

Da wir nun aber, durch räumliche Begrenzungen, deren Erweiterung oftmals komplex und langwierig oder finanziell schlicht nicht realisierbar ist, limitiert sind in der Schaffung von Redundanzen, in die wir ausweichen könnten, muss unser zentrales Augenmerk kurz- und mittelfristig sich auf die aktuellen Gebäude und die darin agierenden Menschen richten.

Diese Umgebungen, Räume, erfüllen eine Funktion; sei es beispielsweise im Seminar- oder Klassenraum das geleitete, gemeinsame Lernen in der Gruppe, in festen oder wechselnden Sozialformen, sei es das projektorientierte Arbeiten in kleinen Gruppen oder etwa konzentrierte Einzelarbeit, fokussiertes Lernen in einer Bibliothek. Diese Funktionen gilt es zu unterstützen, aber gegebenenfalls neu zu strukturieren. Warum können wir nicht Aspekte des Lernens auf Distanz beibehalten und in neue Planungen integrieren. Ist denn der Schritt zum Inverted-Classroom jetzt nicht bereits teilweise gegangen? Künftig könnte es doch realistisch sein, wenn Lernende einen neuen Lernimpuls in Präsenz oder Distanz erhalten und, statt diesen Impuls weiter in der Lerngruppe eines Seminars oder einer Klassengemeinschaft zu bearbeiten, in räumlicher Distanz daran tätig werden. Und in individueller Geschwindigkeit, zeitlicher und räumlicher Gestaltung sich diesen zu erarbeiten und dann, sobald die Klassengemeinschaft oder das Seminar wieder am gleichen Ort zusammenkommt, sowohl mit einem Experten aber auch mit anderen Lernenden weiter zu bearbeiten, zu diskutieren, zu vertiefen.

Dazu können formelle Lernräume neu gedacht werden. In dieser Situation ist es beispielsweise nicht mehr nötig, eine Arbeitsfläche und einen Tisch für jeden Teilnehmer am Lernprozess zur Verfügung zu stellen, denn nun müssen nicht mehr Buch, Notizblock, Computer oder sonstige Werkzeuge Platz finden, sondern jetzt genügt das Werkzeug, mit dem die Lernenden sich die Inhalte in Distanz erarbeitet haben, etwa ein Notizblock oder Laptop. Künftig ist eine vergleichsweise kleinere Schreibablage ausreichend.

Oben schrieb ich von der Aufgabe der Hochschulen und Schulen, die Sicherheit für die im Lernprozess Handelnden zu gewährleisten, also die Sicherheit der Lehrenden und Lernenden. Darüber hinaus geht es aber für uns als Gesellschaft auch um die Gewährleistung, dass Bildung sichergestellt werden kann, dass Zugang möglich ist, dass auch eine Situation wie die aktuelle, in die Planung von Räumen, von Lernumgebungen einfließen muss. Dass wir unser Verhalten oder unseren Umgang in diesen Räumen neu denken.

Wir erleben derzeit, wie die Schulen die Lernenden graduell wieder in Präsenzphasen organisieren, indem im zeitlichen Wechsel eines wöchentlichen Rhythmus alternierend zwei Gruppen in die Schulen kommen, um dort gemeinsam wieder zu lernen und zu arbeiten. Aber es haben sich nicht nur die Anzahl der Menschen im Raum, die Dichte der Belegung, signifikant reduziert, meist halbiert, auch hat sich der Raum selbst und das Verhalten der Handelnden den geänderten neuen Normen angepasst. Die Lernenden und Lehrenden agieren in den empfohlenen Abständen von 1,5 bis 2 Metern zueinander. Auf Mund-und-Nasen-Masken wird in den Lehrräumen zumeist verzichtet, die Anzahl der Personen limitiert, besondere Verhaltensregeln empfohlen, wie etwa die Einhaltung einer Husten- und Niesetikette.5 Nicht nur das Verhalten der Lehrenden und Lernenden wird angepasst, sondern auch die Art, wie wir den Raum und die darin enthaltenen Gegenstände den veränderten Bedingungen anpassen: Wir sehen modifizierte Hygiene und Reinigungsrichtlinien für die Lernumgebungen.

Alle diese Veränderungen, etwa die Belegungsdichte der Räume oder die Hygiene- und Verhaltensregeln, tragen wohl den unverzichtbaren Anforderungen an den Infektionsschutz Rechnung, lassen aber die Chancen außer Acht, die sich hier darüber hinaus bieten: die Verschiebung der Impuls- und Vertiefungsphasen, eine Änderung des Verhältnisses Lehrende/Lernende, die Integration von online- und blended- learning, bring-your-own-device und letztlich die Neuerung des inverted-classroom können positive Impulse geben für eine Öffnung, Neu-Orientierung unserer Lehr- und Lernmethoden und -situationen, die gerüstet ist, um auf künftige veränderte äußere Rahmenbedingungen schnell und unterbrechungsfrei reagieren zu können. Jetzt stellt sich die Aufgabe, unsere Lernräume fit zu machen für das neue Lernen, die neue Integration von Technologie in den Lernprozess und wir sollten dies nicht verpassen, in dem wir mangelnde Präsenz beklagen. sondern konstruktiv die aktuellen Herausforderungen begegnen und mögliche künftige Anforderungen bereits in die Planung einbeziehen.


Helmut Kausler ist Senior Workplace Consultant bei Steelcase
Helmut Kausler ist Senior Workplace Consultant bei Steelcase Education und berät in seiner Funktion Universitäten, Hochschulen, Schulen und sonstige Bildungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz hinsichtlich der Gestaltung von Lernumgebungen, die aktives Lernen unterstützen.


Quellen
(1) Huber, S. G., et alii, COVID-19 und aktuelle Herausforderungen in Schule und Bildung, Schul-Barometer, 24.4.2020, Münster, Waxmann, S. 98 (2) Der Spiegel, Nr 18/25.4.2020, Hamburg, S. 10 (3) Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Kluge, 23. Aufl., Berlin, deGruyter, 1999, S. 645 (4) Schimpf, Wolfgang, Die Lehren aus der Leere, https://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-coronavirus-lehrer-bildung-1.4886140, zuletzt abgerufen 11.5.2020 (5) Gemeinsame Bekanntmachung der Bayerischen Staatsministerien für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz und für Unterricht und Kultus, https://www.km.bayern.de/download/23153_KMS_Hygieneplan-Anlage-1.pdf, zuletzt abgerufen 13.5.2020

Kommentar verfassen

Weitere Pressemitteilungen zum Thema

Wo Lernen nun zu Hause ist – und wo später

Wo Lernen nun zu Hause ist – und wo später

Die gegenwärtige Situation des Unterrichtens und Lernens an allgemeinbildenden Schulen, aber auch die Situation des Studierens und Lehrens an deutschen Hochschulen hat sich durch die Maßnahmen zur Verzögerung einer weiteren Ausbreitung der Corona-Pandemie stark verändert. Neue aktuelle Erfahrungen regen zum Hinterfragen, zum Über- aber vielleicht auch zum Neu-denken der Lernräume und deren Bedeutung für die darin handelnden Menschen an.

Der Campus der Zukunft

Der Campus der Zukunft

Im Gespräch mit Helmut Kausler erfahren Sie mehr über Lernwelten, aktuelle Trends sowie Herausforderungen im Bildungswesen.

Zuhause lernen funktioniert nicht mehr

Zuhause lernen funktioniert nicht mehr

Wir haben mit Chris, einem BWL-Studenten aus München, gesprochen und ihn gefragt, wie er einen Campus der Zukunft einrichten würde und was er mit dem Hauptgewinn des Ideenwettbewerbs von 2500€ anfangen würde.