Der Arbeitsplatz nach Covid-19

Wie die Pandemie Schwachstellen im Bürodesign aufdeckt

Johanna Munck af Rosenschölds Idee zur Zukunft der Arbeit

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Das 360°-Team hat mit Johanna Munck af Rosenschöld darüber gesprochen, wie die Pandemie die Akzeptanz neuer Technologien für die effiziente Arbeit im Home Office beschleunigt hat und was die Branche bisher beim Design von Arbeitsumgebungen versäumt hat.

Was Covid-19 uns gelehrt hat

360º: Wie hat Covid-19 Ihren Blick auf die Zukunft Ihres Unternehmens und Ihres gesamten Industriezweigs beeinflusst?

Johanna Munck af Rosenschöld:

Einerseits hat Remote Work, also die Arbeit von zu Hause aus, viel besser funktioniert als angenommen. Zwar sind wir aufgrund einer akuten Krise zur Arbeit im Home Office übergegangen, dennoch haben sich die meisten von uns sehr schnell an die neue Arbeitssituation gewöhnt. Andererseits ist das Home Office für einen Teil unserer Arbeit als Architekten nicht optimal geeignet: Gerade die kreativen und innovativen Aspekte unserer Arbeit, die häufig am Anfang eines neuen Projekts stehen, sind im Home Office eine echte Herausforderung. Somit hat uns die Pandemie im Grunde gezeigt, dass wir zwar auf Distanz arbeiten können, unsere Kreativität sich aber erst so richtig entfaltet, wenn wir alle gemeinsam an einem Ort arbeiten.

Digitalisierung im Schnellverfahren

360º: Welche Trends werden Ihrer Meinung nach bleiben und Ihre Art zu arbeiten beeinflussen?

JM:

Ich fand es überaus spannend, dass die Pandemie ein Katalysator für die Akzeptanz einer sehr schnellen Digitalisierung war. Fast jedes Unternehmen - unseres eingeschlossen - nutzt inzwischen neue Apps, digitale Tools und technische Lösungen, die wir unter anderen Umständen wahrscheinlich gar nicht oder erst sehr viel später ausprobiert hätten. Rückblickend wundern wir uns, warum wir sie nicht schon viel früher genutzt haben. Wenn früher jemand nicht ins Büro kommen konnte, dann hat diese Person in den meisten Unternehmen wichtige Meetings, die an dem Tag stattfanden, verpasst. Jetzt sind die Mitarbeiter auch dann Teil der Community, wenn sie an einem anderen Ort sind. Meetings auf Distanz durchzuführen, funktioniert zwar nicht auf Dauer, ist aber ein guter Weg, um in Kontakt zu bleiben und Projekte am Laufen zu halten. Allerdings sollte es immer wieder auch Interaktionen und Zusammenarbeit von Angesicht zu Angesicht geben. Uns bieten sich heute viele verschiedene Möglichkeiten der Zusammenarbeit und diese Flexibilität werden wir mit Sicherheit auch in Zukunft beibehalten wollen.

„Es besteht durchaus Nachbesserungsbedarf beim Bürodesign.
Die Industrie hat beispielsweise versäumt, Arbeitsbereiche zu schaffen,
in denen ein einzelner Mitarbeiter konzentriert und in Ruhe arbeiten kann.“

Johanna Munck

Optimierung der Büroumgebung

360º: Wir haben viel dazugelernt in der Zeit, in der wir ausschließlich von zu Hause aus gearbeitet haben. Inwiefern sollten Büros noch verbessert werden?

JM:

In den Medien ist jetzt häufiger zu lesen, dass gerade Technologieunternehmen behaupten, dass wir das Büro nicht mehr brauchen und genauso gut von zu Hause aus arbeiten können. Aber das stimmt nicht - viele Menschen können das nicht. Sie haben kleine Kinder, kleine Wohnungen oder es gibt andere Faktoren, die die Arbeit im Home Office erschweren. Deshalb glaube ich nicht, dass wir uns in absehbarer Zeit vom Büro verabschieden werden. Gleichzeitig zeigt sich, dass durchaus Nachbesserungsbedarf beim Bürodesign besteht, wenn die Bedürfnisse aller Nutzer berücksichtigt werden sollen. Die Industrie hat beispielsweise versäumt, Arbeitsbereiche zu schaffen, in denen ein einzelner Mitarbeiter konzentriert und in Ruhe arbeiten kann. Wenn ein Mitarbeiter zu Hause produktiver und konzentrierter arbeiten kann als am Arbeitsplatz, dann stimmt etwas mit der Arbeitsumgebung nicht.

Neue Möglichkeiten

360º: Wie werden sich Arbeitsumgebungen aufgrund der Pandemie Ihrer Meinung nach ändern?

JM:

Für Unternehmen ist Innovation nach wie vor der wichtigste Erfolgsfaktor. Um innovative Ergebnisse zu erzielen, ist direkte Zusammenarbeit von Angesicht zu Angesicht gefragt. Das gilt sowohl für geplante Meetings als auch für spontane Besprechungen. Wenn wir von zu Hause aus arbeiten, vermissen wir solche informellen Treffen und den Austausch mit den anderen. Er ist auch eine Voraussetzung für die Etablierung der Unternehmenskultur. Viele junge oder neue Mitarbeiter können noch nicht auf ein großes Netzwerk zugreifen, wie das bei den Kollegen der Fall ist, die schon länger im Unternehmen sind. Für sie ist es besonders wichtig, ins Büro kommen zu können. Insgesamt sollten wir das Design von Arbeitsumgebungen flexibler angehen und natürlich auch Sicherheitsaspekte und den Wohlfühlfaktor für die Nutzer bei der Raumgestaltung berücksichtigen. Momentan arbeiten wir zum Beispiel mit einem schwedischen Unternehmen zusammen, das im Technologiebereich tätig ist, einem der größten Arbeitgeber im Land. Diesem Unternehmen ist klar, dass der physische Raum wichtig ist. Die Unternehmensleitung fragt sich: „Benötigen wir eine große Firmenzentrale oder macht es Sinn, mehrere kleinere Büros über die Stadt verteilt anzubieten?“ Noch ist es zu früh, um wirkliche Prognosen zu geben. Viel hat sich in kurzer Zeit sehr stark verändert. Es wird sehr interessant sein, zu beobachten, welche langfristigen Folgen die Umwälzungen für das Bürodesign mit sich bringen. Die Pandemie hat für uns definitiv Möglichkeiten gegeben, das Büro in Zukunft neu zu gestalten.

Johanna Munck af Rosenschöld ist Architektin und CEO von Strategisk Arkitektur, einem Stockholmer Architekturbüro mit 60 Angestellten mit den Schwerpunkten Immobilienentwicklung, Gewerbeflächen, Wohndesign, Stadtplanung und Innenarchitektur. Johanna Munck designt kreative, effektive und nachhaltige Büros mit Innovationsfaktor.

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