Der Arbeitsplatz nach Covid-19

Plädoyer fürs Büro

Herbert Grebencs Vorstellung von der Zukunft der Arbeit

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Das 360°-Team hat sich mit Herbert Grebenc getroffen, um seine Meinung zu den Auswirkungen der Pandemie auf den BMW-Konzern zu erfahren und ihn zu fragen, welche Chancen er möglicherweise darin sieht.

 

Bestandsaufnahme

360º: Wie hat Covid-19 Ihren Blick auf die Zukunft Ihres Unternehmens und des gesamten Industriezweigs beeinflusst?

Herbert Grebenc:

Covid-19 führte dazu, dass unsere Produktionsstätten den Betrieb vorübergehend vollständig einstellen mussten. Nie zuvor waren wir mit einer Krise diesen Ausmaßes konfrontiert. Wir arbeiten immer noch daran, uns davon zu erholen. Da es wohl noch eine Weile dauern wird, bis ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht, planen wir auf lange Sicht: Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie sinnvolles und erfolgreiches Leben, Arbeiten und Verhalten trotz der Corona-Schutzmaßnahmen möglich ist.

Perspektivenwechsel

360º: Welche Trends werden Ihrer Meinung nach beibehalten werden und die Art beeinflussen, wie wir auf unsere Kunden zugehen?

HG:

Für viele Unternehmen zählt inzwischen nicht mehr nur der wirtschaftliche Erfolg oder das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen. Die Gesundheit, Sicherheit und das Wohlbefinden jedes einzelnen Mitarbeiters rückt immer mehr in den Vordergrund, genau wie ein solidarisches Auftreten innerhalb der Gemeinschaft. Diese neuen Tendenzen werden bei der Gestaltung von Produkten und Geschäftsmodellen eine wesentliche Rolle spielen. Und ein deutlicher Trend zeichnet sich natürlich bereits ab: Geschäftsmodelle, die es vorsehen, dass die Angestellten auf engem Raum zusammenarbeiten, werden es in Zukunft schwer haben.

„Der Arbeitsplatz der Zukunft wird vor allem ein Ort sein, um andere Menschen zu treffen, sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten.“

Herbert Grebenc

Praxiserfahrungen

360º: Wir haben viel dazugelernt in der Zeit, in der wir ausschließlich von zu Hause aus gearbeitet haben. Warum denken Sie, dass wir dennoch ins Büro kommen sollten?

HG:

Vorab sollte ich erwähnen, dass flexible Arbeitsmodelle wie mobiles Arbeiten schon lange ein Teil des Konzepts der BMW-Gruppe sind. Dies war bereits vor der Pandemie so und wird auch danach so sein. Vor Ort im Unternehmen zu arbeiten hat den Vorteil, dass man sich schnell absprechen kann und direkten Zugang zu den Fahrzeugen hat, was wichtig für den kreativen Prozess ist. Wir haben neue Arbeitsumgebungen insbesondere im IT-Bereich und in der Softwareentwicklung besonders ansprechende neue Arbeitsbereiche geschaffen.

Aufgrund der Coronakrise wurden unsere Entwicklungszyklen kürzer als je zuvor. Viele Bereiche haben in der letzten Zeit von der Digitalisierung profitiert, z.B. das Arbeiten im Home Office, das digitale Lernen, Distanzunterricht, Onlinehandel usw. Wir haben jetzt die Gelegenheit, das Gelernte auch in Zukunft am Arbeitsplatz einzusetzen. Allerdings haben wir während der ersten starken Kontaktbeschränkungen, als der Großteil von uns zu Hause war, festgestellt, dass der Mangel an direkten Kontakten negative Auswirkungen auf unsere Sozialkontakte und unsere Beteiligung am gesellschaftlichen Leben hatte. Wir haben es bereits erreicht, mit hochwertigen Mobilitätsprodukten dem Einzelnen die Möglichkeit zu geben, nicht nur einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten. Diese Produkte bieten gleichzeitig auch ein hohes Maß an Schutz für die Gesundheit.

Neue Funktionen fürs Büro

360º: Wie beschreiben Sie die Rolle des physischen Raums in Ihrem Unternehmen und wie unterstützt dieser die Unternehmensziele?

HG:

Wir werden auf jeden Fall die Vorteile der virtuellen Welt ausschöpfen. Ein Mix aus analogen und virtuellen Meetings sorgt dafür, dass weniger Mitarbeiter zum Unternehmen bzw. nach Hause pendeln und hilft somit, die Verkehrssituation zu entlasten.

Im Unternehmen finden heutzutage mehr kurze soziale Interaktionen statt. Außerdem werden die Unternehmensräume in Zukunft wahrscheinlich eher dazu genutzt werden, sich mit Kollegen zu treffen und sollen einen inspirierenden Austausch fördern. Dadurch erhält das Büro einen Eventcharakter. Da es darüber hinaus für viele verschiedene Tätigkeiten genutzt werden wird, sollte man berücksichtigen, dass die Mitarbeiter nicht unvermittelt von einem Arbeitsmodus zum anderen übergehen können, sondern einen gewissen Vorlauf benötigen, um z.B. von der direkten Zusammenarbeit zum Online-Meeting und danach zur konzentrierten Einzelarbeit überzugehen.

Herbert Grebenc ist der ehemalige zweite geschäftsführender Vorsitzende der BMW-Gruppe und Teil des Corona-Kompetenz-Teams seines Unternehmens

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