Fernarbeit

Veränderungsprozesse in der Coronakrise nutzen

Ashoka hört zu und erfindet sich und seine
Community neu.

Ashoka ist überzeugt, dass innovative Ideen, die sozial engagierten Unternehmern anvertraut werden, die stärkste Kraft darstellen, die in der heutigen Zeit zu finden sind. Die internationale Organisation verfügt über ein Netzwerk von mehr als 3600 Unternehmen, die sozial ausgerichtet sind, sogenannte ‚Social Entrepreneurs‘. Sie wünscht sich eine Welt voller sozial motivierter Changemaker, in der jeder Einzelne dazu angehalten wird, die wichtigen Fähigkeiten Empathie, Teamarbeit, Führungsfähigkeiten und Changemaking (das Anstoßen von Veränderungsprozessen) aktiv anzuwenden. Das 360°-Team hat vor kurzem mit Giulia Sergi gesprochen, die von Italien aus das Europe Fellowship Program für Ashoka leitet. Giulia hat unserem Team ihre Perspektive zur Krise geschildert und die neuen Wege aufgezeigt, die ihre Organisation gefunden hat, um die internationale Ashoka-Community zu mobilisieren. Das Ergebnis: Distanzen werden überwunden und soziale Gleichheit gefördert.

360: Giulia, kannst du uns ein wenig über Ashoka und deine Rolle dort erzählen?

Giulia Sergi: Ashoka schafft und kultiviert eine Gemeinschaft von Mitgliedern, die aktiv Transformationsprozesse voranbringen und erkannt haben, dass heutzutage jeder ein Changemaker sein sollte. Zusammen mit diesem Netzwerk treiben wir aktiv Wandlungsprozesse in Institutionen und Kulturen auf der ganzen Welt voran, damit diese ebenfalls Changemaker für eine gute Gesellschaft werden. Wir glauben an große Ideen als kraftvolle Quelle für sozialen Wandel und malen uns eine Welt aus, in der jeder Einzelne die Möglichkeit hat, auf positive Art aktiv zu werden, um seine Ideen umzusetzen und positiv Einfluss zu nehmen.

Ich selbst leite zusammen mit Kollegen europaweite Initiativen sowie unser europäisches Fellowship Programm. Im Rahmen des Fellowship Programms arbeiten wir mit Partnern wie Steelcase zusammen und leiten Workshops, Besprechungen und Co-Learning-Aktivitäten für die europäische Community der Changemaker.

360: Italien war äußerst stark von der Ausbreitung von Covid-19 betroffen. Wie hast du zu Beginn der Krise reagiert?

GS: Da ich im sozialen Bereich tätig bin, habe ich mir anfangs Sorgen gemacht, als Italien den Lockdown verhängt hat, wobei ich insbesondere Sorgen bzgl. der sozio-ökonomischen Auswirkungen hatte. Aber innerhalb von ein paar Tagen, als die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem deutlich wurden, hat sich meine Perspektive gewandelt. In einer Welt der Changemaker zu leben und zu arbeiten bedeutet auch, sich immer neu anzupassen und in jeder Situation neue Möglichkeiten zu entdecken. Offenheit und Transparenz gehören zu den Werten, die uns am meisten am Herzen liegen. Ashoka in Italien ist europaweit vernetzt und so konnten wir in den ersten Wochen unsere Beobachtungen und Erkenntnisse über Ländergrenzen hinweg teilen und so rasch eine Smart Working Community erschaffen und andere Länder dazu ermutigen, unserem Beispiel Folge zu leisten. Je früher, desto besser.

360: Bis auf wenige Ausnahmen arbeiten alle von zu Hause aus und sind immer daheim. Haben sich deine Arbeitsabläufe dadurch verändert?

GS: Da die italienische Regierung eine nationale Ausgangssperre verhängt hatte, stieg die Zahl der virtuellen Meetings mit dem Team und unserer Community stark an. Das italienische Team trifft sich nach wie vor jeden Tag um 9:00 Uhr und versucht, dabei nicht direkt über Arbeitsthemen zu sprechen, sondern in den ersten 15 Minuten persönlichen Erlebnisse der Teamkollegen zu teilen. Jeder hat andere Herausforderungen zu bewältigen: der eine ist völlig isoliert, wohingegen ein anderer Kollege mit drei pubertierenden Kindern zu Hause ist. Dadurch, dass wir gemeinsam über Herausforderungen und mögliche Lösungen sprechen, kommen wir einander näher. Eine andere Möglichkeit, um sich in andere hineinzuversetzen, ist es, den anderen zuzuhören, wenn sie von ihren individuellen Problemen berichten und darüber sprechen, welche Lernprozesse wir alle gerade durchmachen. Es geht nicht nur darum, neue Wege zu finden, um digital zusammenzuarbeiten, sondern es geht auch darum, zuzuhören und die ‚neue Normalität‘ zu verstehen: so bleiben wir als Team stark, auch wenn wir auf Distanz arbeiten. Wir sind überzeugt, dass es gerade jetzt besonders wichtig ist, ein offenes Ohr zu haben und das gilt auch für unsere Community. Als Fellowship Manager habe ich viele virtuelle Begegnungen mit sozial engagierten Unternehmen und Ashoka Fellows. Anstatt selbst neue Ideen vorzuschlagen, hören wir zu und versuchen zu verstehen, was unsere Community zur jeweiligen Zeit aus deren Erlebnissen lernen kann. Wenn die Krise hoffentlich bald beendet ist, haben wir gemeinsame Erfahrungen gemacht und teilen eine Basis, von der aus wir starten können.

„Unsere Probleme zu teilen macht uns menschlicher, deshalb ist es völlig in Ordnung zu sagen: Ich komme mit der Situation gerade nicht gut klar.“

Giulia Sergi Co-Leader Ashoka Europe Fellowship Program

360: Einander zuhören, um als Team zu wachsen – das ist eine simple, aber starke Aussage. Was kannst du uns sonst noch raten?

GS: Die meisten von uns haben bereits den Tipp erhalten, neue Abläufe in ihrem Arbeitsalltag zu etablieren. Aber häufig ist uns nicht klar, dass dazu Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben nötig sind. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass hierfür sowohl die mentale als auch physische Abgrenzung nötig sind. Diese Trennung entsteht unter normalen Umständen ganz von selbst, wenn wir im Unternehmen arbeiten. Wie können wir sie jetzt integrieren, wo Arbeit und Privatleben am selben Ort stattfinden? Unser Vorschlag ist, morgens die gewohnten Abläufe beizubehalten, die man hatte, wenn man bisher in die Arbeit gefahren ist und sich auch der Aktivität entsprechend zu kleiden. Das klingt vielleicht banal, sendet aber ein wichtiges Signal an unser Gehirn und ist signifikant für unsere seelische Gesundheit. Unsere Gewohnheiten beizubehalten hilft uns, den Tag zu strukturieren. Ein anderer Tipp bezieht sich auf die Arbeitsumgebung: es sollte auch eine physische Trennung zwischen Arbeit und Privatleben geben. Wir empfehlen, nicht am Küchentisch oder auf dem Bett oder Sofa zu arbeiten. Stattdessen raten wir dazu, eine Ecke in einem Zimmer für einen Schreibtisch zu schaffen. Unser Gehirn profitiert davon, wenn die Arbeit an einem anderen Ort stattfindet als alle anderen Tätigkeiten. Diese kleinen Maßnahmen haben einen großen Einfluss – beide Beispiele helfen dabei, mehr Struktur ins Home Office zu bringen und Abläufe zu etablieren.

360: Welche neuen Vorgehensweisen habt ihr für Workshops und Besprechungen mit euren Partnern etabliert?

GS: Mit dem Ashoka Fellowship Program möchten wir sozial engagierte Unternehmen europaweit vernetzen. Wir bieten Change Leadern aus ganz Europa Weiterbildungsmöglichkeiten in Form von Workshops. Darüber hinaus sorgen wir dafür, dass verschiedene Change Leader zusammenkommen können, um gemeinsam an bedeutenden Zielen zu arbeiten. Dieses Jahr legen wir ein besonderes Augenmerk auf Demokratie und Initiativen zur Finanzförderung und Multiplikation. Wir haben uns dazu bisher immer persönlich getroffen. Aufgrund der momentanen Rahmenbedingungen war es allerdings nötig, dies anzupassen. Wir waren diesbezüglich unseren Partnern und Stakeholdern gegenüber immer sehr transparent: die Workshops zu verschieben, war keine Option. Ganz im Gegenteil – es zeigte sich schnell, dass Teamspirit, Zusammenhalt und Zusammenarbeit für unsere Community jetzt wichtiger ist denn je. Unser Wunsch, das Gemeinschaftsgefühl aufrechtzuerhalten und unser Anspruch, die Gesundheit aller bestmöglich zu schützen, haben die Digitalisierung unserer gesamten Organisation rapide beschleunigt. Workshops wurden natürlich einfach online abgehalten. Wir haben uns dabei nicht nur auf die reinen Inhalte konzentriert, sondern auch den Aspekt des Wohlbefindens in den Vordergrund gestellt. Wir praktizieren eine individuelle Herangehensweise: jeder Workshop oder jede Session profitiert von anderen Inhalten und es braucht deshalb einen ganzheitlichen Ansatz. Digitales Wohlbefinden wirft die folgende Frage auf: Was bedeutet es, als Gemeinschaft rein digital zu wirken? Natürlich holen wir hinsichtlich dieser Aspekte bei Bedarf auch verschiedene Expertenmeinungen ein.

360: Wie beurteilst du die Zukunft dieser neuen Arbeitsweisen?

GS: Wir können natürlich nicht in die Zukunft blicken, aber uns stehen ein paar Tools zur Verfügung, die uns helfen, verschiedene Szenarien zu skizzieren. Wir sind auf dem Gebiet der sozialen Innovation tätig. Das bedeutet, dass wir versuchen, Denkweisen zu ändern, um Veränderungsprozesse zu beschleunigen und die Gesellschaft voranzubringen. Die Coronakrise ist eine der größten sozialen Herausforderungen überhaupt. Wir müssen uns mit ihr befassen zusätzlich zu den anderen Herausforderungen, die weiterhin bestehen, z.B. Umweltbelange oder Sorgen um die Aushöhlung der Demokratie. Was bedeutet soziale Innovation in diesem Kontext und welche Fähigkeit benötigen wir, um der Krise zu begegnen? Wenn man die Dinge aus dieser Perspektive betrachtet, dann haben wir nicht bloß einen Workshop in ein virtuelles Meeting umgewandelt, sondern wir kommen auf diese Weise zu Lösungen für viele Probleme, die bereits seit langem bestehen. Zum Beispiel sind Reisen aus ökologischer Sicht häufig nicht notwendig. Die momentane Situation wirft die Frage auf, wie die ‚neue Normalität‘ aussehen wird und führt dazu, dass wir uns mit Belangen beschäftigen, die sonst wenig Beachtung gefunden hätten. Beispielsweise wird durch die Möglichkeit des Onlineunterrichts gerade die Inklusion stark gefördert. Natürlich werden wir wieder zusammenkommen und uns persönlich treffen, aber wir werden auch in Zukunft von der digitalen Infrastruktur, die wir jetzt aufbauen, profitieren. Ich bin davon überzeugt, dass die neue digitale Infrastruktur bestehen bleibt und unsere Arbeitsformen für immer verändern wird.

 


360 Article How to Catalyze Changemaking through the COVID-19 CrisisGiulia Sergi leitet in Zusammenarbeit mit Kollgen das Ashoka Europe Fellowship Program, eine von Steelcase geförderte Initiative. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit darauf, innovative soziale Unternehmer (Ashoka Fellows) darin zu unterstützen, ihren Einfluss zu stärken und in ihrem Gebiet systematisch Veränderungen voranzubringen. Sie leitet darüber hinaus ein Team von Ashoka Fellows und anderen Stakeholdern, die gemeinsame weltweite Initiativen gegen Korruption und organisiertes Verbrechen steuern.

 

 

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